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Warum das Negative plausibler klingt als das Positive

  • Autorenbild: Ursula Pritz
    Ursula Pritz
  • 8. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Das Negative hat es leicht.

Es ist konkret. Es ist bildhaft. Es folgt bekannten Mustern. Zerstörung, Verlust, Krise – all das lässt sich schnell denken, schnell erzählen, schnell verstehen. Man muss nichts entwerfen, um es zu begreifen: man beschreibt, was fehlt oder was schiefläuft.


Komplexe architektonische Struktur aus verbundenen geometrischen Formen, von oben fotografiert.
Zwischen Ordnung und Offenheit.


Das Positive hingegen ist sperriger. Es verlangt Vorstellungskraft, weil es nicht einfach die Umkehr des Negativen ist. Es ist komplexer, weniger eindeutig, offener in seinen Konsequenzen. Vielleicht wirkt es gerade deshalb oft naiv oder weltfremd – nicht, weil es das wäre, sondern weil wir es seltener in dieser Form denken.


In kaum einem Feld zeigt sich das so deutlich wie bei Nachhaltigkeit.



Nachhaltigkeit ist historisch aus der Warnung heraus entstanden. Aus berechtigter Sorge, aus realen Schäden, aus messbaren Grenzen. Sie musste so auftreten, um gehört zu werden. Ohne Alarm gäbe es viele Themen heute nicht auf der Agenda.


Doch etwas ist auf dem Weg verloren gegangen: die Fähigkeit, das Positive lebensnah zu denken.


Heute klingt Nachhaltigkeit für viele nach Pflicht, nach moralischer Korrektur, nach einem Thema, bei dem man innerlich schon weiß, dass es anstrengend wird. Das Wort selbst ist schwer geworden. Überfrachtet. Aufgeladen. Viele reagieren darauf nicht mit Ablehnung, sondern mit Ermüdung – sie zucken zusammen, bevor überhaupt ein Gedanke entstehen kann.



Wenn Nachhaltigkeit positiv erzählt wird, kippt sie häufig in zwei Extreme. Entweder in eine technokratische, defizitorientierte Sprache, die kaum Lebensnähe hat. Oder in eine ästhetisch-spirituelle Welt aus Handgemachtem, Verzicht und moralischer Selbstvergewisserung. Beides bleibt für viele Lebensrealitäten unanschlussfähig.


Es fühlt sich entweder nach Verwaltung an – oder nach Ausstieg aus dem Leben.


Dabei leben die meisten Menschen in ganz anderen Spannungsfeldern: urban, widersprüchlich, technologieaffin, ambitioniert, genussfähig. Sie wollen gestalten, nicht belehrt werden. Verbessern, nicht verzichten. Genau hier entsteht der Bruch: Das Negative wirkt realistisch, das Positive wie ein Sonderfall.



Vor Kurzem habe ich einen Text von Kevin Kelly gelesen. Er schreibt darüber, warum das Negative leichter zu denken ist als das Positive – und warum es reifer ist, auch das Unwahrscheinliche mitzudenken. Nicht als Heilsversprechen, sondern als Ausdruck geistiger Beweglichkeit.


Dieser Gedanke ist im Nachhaltigkeitsdiskurs ungewohnt. Positivität steht hier oft sofort unter Verdacht: naiv, verharmlosend, unprofessionell. Dabei ist das Positive nicht weniger ernst. Es ist nur anspruchsvoller. Es verlangt mehr Vorstellungskraft, mehr Differenzierung, mehr Gestaltungswillen.



Vielleicht liegt das Problem also weniger im Thema selbst als in seiner kulturellen Codierung.


Nachhaltigkeit scheitert nicht daran, dass Menschen sie ablehnen. Sie scheitert oft daran, dass sie sprachlich und ästhetisch nicht dort stattfindet, wo das Leben tatsächlich passiert – zwischen Arbeit, Ambition, Genuss, Technologie und Widersprüchen.


Vielleicht müssen wir das Wort Nachhaltigkeit gar nicht retten. Vielleicht dürfen wir es eine Zeit lang umgehen und stattdessen über Qualität sprechen. Über Sorgfalt. Über Konsequenz. Über gute Gestaltung. Über Dinge, die funktionieren, bleiben und sich bewähren.


Das Positive ist nicht unrealistisch.

Es ist nur schwerer zu denken.

Und vielleicht ist genau das der Punkt.

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